Eindrücke aus Arles
12.7.2026
Der Sommer in München ist außergewöhnlich schön. Doch zieht es uns wieder einmal nach Südfrankreich. Das Foto Festival in Arles steht schon länger auf unser Wunschliste. In Südfrankreich waren wir schon eine Ewigkeit nicht mehr. Darüber hinaus ist die Gegend wunderschön und Marseille ist nicht weit, unser Landeplatz in Frankreich.
Montag, 13.7.2026
11:20, MUC im Flugzeug
Die Maschine wirkt wie ein BMW Flieger mit ein paar freien Sitzen für Touristen und sonstige Passagiere. Meine Kollegen reisen nach Miramas zur Teststrecke weiter. Gleich geht‘s los. Der Captain begrüßt uns gerade auffällig freundlich. Tut gut. Wir haben wieder zwei Gangplätze gewählt. Gut so bei ausgebuchten Flügen. Wir verlassen München an einem herrlichen Sommertag mit 30 Grad und fliegen in große Hitze. Ein wenig respektvoll sind wir schon, freuen uns jetzt ein wenig. Es fällt uns wie immer etwas schwer, jetzt München zu verlassen. Ist immer so. Und wenn wir dann ankommen, freuen wir uns. Es geht los.
15:00, im Zug von Marseille nach Arles
Feiner Flug, pünktlich, Gepäck kommt. Die Hitze heute gar nicht so groß, wir sind unter einer Wolkendecke. Mit dem Bus für 1,2 € zur Bahnstation. Etwas komplizierter als gedacht, den richtigen Zug zu finden, warten wir 40 Minuten länger als notwendig. Na, ich hab die Fahrt von Marseille gesucht, die Ausgabe kam vom Bahnhof Marseille, wir stehen am Flughafen. Mittlerweile die App SNCF heruntergeladen und schon klappt es. Der Zug knackevoll, sieht wie ein Pendler aus. Wir fahren am Mittelmeer entlang, um bald ins Landesinnere abzubiegen. Sehr schöne Gegend.
Viele spannende Gesichter im Zug, mich juckt es, die Kamera zu zücken. Nein, hier ist Frankreich. Es ist schlichtweg verboten und die Strafen sind nicht gering. Schade. So wird es eben wenig Bilder geben. Mal schauen, ob sie in Arles auf dem Foto Festival etwas entspannter sind.
16:15, Arles Hotel La Muette
Warum müssen die Gegenden um den Bahnhof immer so scheußlich sein? Ein paar Meter weiter kommen wir in die nahezu autofreie Altstadt. Der erste Eindruck ist positiv. Kein Hype-Ort. Eher gemächlich und entspannt. Das Hotel La Muette mitten in der Altstadt. Von außen eher heruntergekommen. Im Inneren rustikal, da ein uralter Bau aber alles vorhanden. Schöne große Zimmer - in Frankreich eher eine Seltenheit, hohe Wände, massige Deckenbalken. Bad relativ neu gemacht, klein, alles da. Die Klimaanlage funktioniert. Auch hier ist es heute nicht so quälend heiß. Guter Anfang.
Atemberaubende Streetfotografie von Etienne Racine.
21:14, Arles Hotel La Muette
Done ;). Es ist warm, sehr warm aber entspannt. Easy Altstadt, wunderschön, eine alte Stadt mit 51.000 Einwohnern in Südfrankreich. Wir lassen uns treiben, genießen das warme Abendlicht, hier eine Kirche, dort ein Platz, ein paar Menschen, die es uns gleich tun. Etliche Fotografen - ist ja hier kein Wunder, auffällig viele Kameras mit Film, ne, da mutiere ich nicht hin. Foto-Galerien in gefühlt jedem zweiten Haus. Hat was. Wir finden ein kleines Lokal, noch recht leer. 19:30 ist hier schon recht zeitig. Egal. Kleines, feines Abendessen, ein paar Glas offenen Weins aus der Provence. Wieder auffallend, das Wasser kostenlos. Spottpreis bei erstaunlich guter Qualität. Noch ein Absackerglas im sehr netten Hotel. Die Concierge mit sehr gutem Englisch, stammt aus El Salvador, ist demnach dreisprachig. Jetzt isses gut, Hitze, langer entspannter Tag. Wir ziehen uns in die Klimaanlage zurück.
Dienstag, 14.7.2026, am Nachmittag
Ist ein schönes Gefühl, am Nationalfeiertag Frankreichs hier zu sein. Dazu noch mit Ute ein sehr bedeutendes Foto Festival zu besuchen, was will ich denn mehr.
Heute war der erste Tag unserer Besuche in einigen Ausstellungen. Um es kurz zu machen, wir sind komplett geflasht. Der Vergleich mit der Dokumenta in Kassel und der Biennale in Venedig ist nicht übertrieben.
William Klein, Chapelle Du Museon Arlaten, Musée de Provence
Bislang kannte ich nur seine intensiven Streetfotografien. Er war auch Maler, Zeichner, Filmemacher. Die Ausstellung zeigt ein äußerst dynamisches Bild seiner Arbeit. Beeindruckend die Sequenzen eines Filmes, in denen Muhammad Ali die Stimmung vor einem seiner großen Boxkämpfe anheizt. Er fördert geradezu sein Image des großspurigen lauten Menschen, was er gar nicht war.
Wir lernen in einer späteren Ausstellung - siehe unten - von Martine Barrat, dass Muhammad Ali Fotos, die sie ihm unbekannterweise von ihren Boxkindern aus der Bronx geschickt hatte, alle gewidmet und mit einem persönlichen Kommentar versehen hatte.
Fondation MRO Manuel Rivera-Ortiz - Come together
ein Wahnsinn; mehrere Ausstellungen über vier Ebenen. Beginnend mit einem Raum, der die Beerdigungskultur in der Volta Region in Ghana darstellt. Fotografiert von der Schweizerin Regula Tschumi. Verrückt, welche Sargformen dort von Künstlern hergestellt werden. Nike Schuhe, Komik Figuren, Kürbis, Bagger, Cola-Flasche. Ihr Umgang mit dem Tod ein komplett anderer als bei uns.
Im Keller eine audiovisuelle Führung afrikanischer und südamerikanischer Künstler. Mich hat sie beeindruckt, Ute eher nicht. Auch nachvollziehbar.
Weiter im Obergeschoss Aufnahmen der US-Amerikanerin Shelby Duncan, die das pralle Partyleben in den USA in den Siebzigern darstellt. Sie war so nah dran an den Menschen. Und noch viele weitere Künstler, die mit ihren unterschiedlichen Bildsprachen viele Aspekte des Lebens darstellen.
In einer kleinen Galerie erstehen wir ein Fotobüchlein von Sandrine Pacitto Mathou. Sie hat eine feine Poesie in ihren Bildern. Auch eine Widmung habe ich bekommen.
Wir kippen Wasser ohne Ende, spazieren an der Rhone entlang, tauchen in den verträumten Gassen dieser wunderschönen Altstadt ein; ein wenig Sommerkleider für Ute hier, eine Kleinigkeit zum Essen dort. Es ist schon gut warm, so dass nach der beeindruckenden Fondation - siehe oben - eine längere Pause ansteht. Dazwischen beantworte ich die vielen vielen lieben Grüße, die mich über alle verfügbaren Medien erreichen.
14.7.2026, 23:00 Arles, Hotel La Muette
Herrlicher Abend im Restaurant Gaudina mit leckerem Essen und feinem Rosé. Davor waren wir noch in einer letzten Ausstellung.
Absolutely sehenswert.
Intime Einblicke in die Entwicklung Ghanas, getrieben vom ihrem Führer Kwame Nkrumah und seinem politischen Zirkel und ihrer Panafrikanischen Idee.
Danach zum feinen Essen, siehe oben. Bevor wir am Hotel noch ein paar Gläser Wein genießen, schauen wir uns noch etwas auf dem Hauptplatz Public Viewing an. Halbfinale, das die Franzosen sehr zu unserem Bedauern verloren haben. Egal, ist doch nur ein Spiel. Let’s call it a day.
Mittwoch, 15.7.2026, Arles
Mittagspause, um etwas der Hitze zu entkommen obwohl sie nicht so brutal fertig macht. Wir packen es ganz ordentlich. Damit wir zur Eröffnung der ersten Ausstellung bereits vor Ort sind - sie war gestern immer rappel voll, auch um etwas die Kühle des Morgens zu nutzen, wird zeitig aufgestanden und gefrühstückt. Das Angebot sehr abwechslungsreich.
Die Wege sind hier sehr kurz, alles in Tsongas und Schlappen machbar. Um 9:15 stehen wir im ersten Stock des Espace Vincent Van Gogh vor der Eingangstür. Sie geht pünktlich um 9:30 auf.
Martine Barrat, Espace Vincent Van Gogh - Unser Highlight!
Waren schon die gestrigen Ausstellungen mehr als beeindruckend, sind wir jetzt von den Socken. Martine Barrat, geb. 1933, zeigt uns Aufnahmen von ihren Lebensorten Harlem, Bronx und La Goutte d’Or, die liebenswert, herzerweichend, intim und so ehrlich sind. Und das in Vierteln, die alles andere als wohlhabend und privilegiert sind. Atemberaubend!
Danach benötigen wir erst einmal eine mentale Pause. Wir sind beide so ergriffen, dass es schade wäre, gleich weiter zu gehen. Es dauert eine ganze Weile, bis wir dazu bereit sind. Ganz bewußt wählen wir den Espace Monoprix aus. Immerhin 15 Minuten zu gehen. Wir verlassen den Stadtkern durch Reste einer Stadtmauer, gehen über einen lokalen Markt - 3 Salate für 2 € - und betreten einen Supermarkt, so wie es ausgeschildert ist. Auch ganz spannend. Im Supermarkt über einen Notausgang in einen der oberen riesigen Räume, evtl. mal weitere Einkaufsläden. Sieht ein wenig wie ein Lost Place aus. Dort schauen wir uns gleich zwei Ausstellungen an
Distant Dreams, perspective on the FNAC photographic collection
Eine beeindruckende Sammlung von Blicken auf die Menschen und die Welt von großartigen Fotografen und Fotografinnen u.a. von Sebastian Saldago, Josef Koudelka, Bernard Descamps und vielen anderen.
2026 discovery award, Louis Roederer Foundation
Text aus dem Festivalprogramm - eigene Beschreibung folgt - ach was, einfach ein Beispiel für die Beschreibungen der Ausstellungen
Since its creation, the Rencontres d’Arles has promoted photography and all its stakeholders, from photographers to artists, curators and publishers. With this in mind, the Rencontres d’Arles associates the Discovery Award Louis Roederer Foundation with all exhibition spaces: through their trailblazing work, galleries, art centers, non-profits, independent venues and institutions are often the first to support emerging artists. This year, the selected projects are once again presented as a single cohesive exhibition, curated from selection to installation by curator Nadine Hounkpatin. During opening week, a jury will bestow the Discovery Award Louis Roederer Foundation, which comes with an acquisition worth €15,000, upon an artist and the project’s supporting organization, and the public will vote for the Public Award, which carries with it an acquisition worth €5,000.
The removal of a historical photograph of a slave’s flogged back from exhibition spaces in US national parks,1 the censorship of a painting by Amy Sherald in Washington, and the cancellation of an exhibition dedicated to Caribbean art at the Centre Pompidou-Metz, led me to consider the place of images in the construction of reality, and consequently, truth. These attempts at suppression are more than simple erasures: they question the fragility of accounts, whether historical or not. They remind us of how memories can be displaced, neutralized, and even sometimes confiscated. How can truth be told through photography? How, perhaps, can it be represented? Photography is not simply a neutral window on the world. As Ariella Aïsha Azoulay insists, it is “a political act, inscribed within regimes of visibility”,2 these systems-battlefields where power relations are enforced and which determine what can be seen, how, and in what context.
Drawing on the words of American photographer Carrie Mae Weems,3 I sought routes to reflection rather than answers. The seven artists of the 2026 Discovery Award offered me flashes and sparks of insight by opening up interstices. The exhibition unfolds as a field of propositions where artists, from their respective singularities, form the many facets of a prism of shared truth. The practices of Charlotte Yonga, Souleymane Bachir Diaw, Phan Quang, Amira Lamti, Jordan Beal, Mallory Lowe Mpoka and Magali Paulin thus make photography a common space of relationships, engagement and responsibility. Their visual narratives, rooted in multiple cultural, historical and intimate contexts, poetically animate the body, the archive, gesture and ritual. They devise forms of visibility in which subjectivity becomes a critical force and photography challenges and overturns certain imagery, revealing what has been obscured.
Their works reveal layers, zones of resistance and that which persists, collectively reminding us that photographic truth is definitely not to be found but to be patiently crafted through the friction of situated, constructed narratives, with acute attention to silence.
Nadine Hounkpatin
THE SELECTED PROJECTS FOR THE 2026 DISCOVERY AWARD LOUIS ROEDERER FOUNDATION ARE:
— Jordan Beal, presented by La Station Culturelle, Martinique, France
— Souleymane Bachir Diaw, presented by Lai.ma, Paris, France
— Amira Lamti, presented by Doors, Paris, France
— Mallory Lowe Mpoka, presented by Occurrence, Montreal, Canada
— Magali Paulin, presented by doubledummy, Arles, France
— Phan Quang, presented by Galerie Bao, Paris, France
— Charlotte Yonga, presented by Fondation H, Antananarivo, Madagascar
CURATION: NADINE HOUNKPATIN
Vor allem die Arbeiten des Vietnamesen Phan Quang beeindrucken uns.
Es wird Zeit für eine Pause. Eine Kleinigkeit zu essen, davor finden wir in einer kleinen Boutique für Ute eine luftige Sommerbluse. Danach noch eine Rast im Garten des Festivalzentrums. Jetzt die verdiente Pause.
15.7.2026, 22:00 Arles
Wir zerlaufen, es ist warm, sehr warm. Wir sind auch mit dem heutigen Tag mehr als zufrieden. Nach der Pause waren wir in einer weiteren Ausstellung.
Sammy Baloji, Landscape lens: A Katangese crossing
Eine Ausstellung über die brutale Kolonialzeit und die Folgejahre in der Region. Allein der Film über die brutalen Konflikte in der Region Katanga in der Demokratischen Republik Kongo war den Besuch mehr als wert.
Anschließend um die Ecke zu Abend gegessen, danach noch ein paar Schritte. Einmal zur mächtigen und imposanten Arena neben dem großartigen Amphitheater. In der Arena finden tatsächlich noch Stierkämpfe statt. Nein Danke. Die Römer konnten schon feine Sachen bauen.
Donnerstag, 16.7.2026, 14:30, Arles
Zeit für die Mittagspause und zum Reflektieren der mannigfaltigen und überwältigenden Eindrücke des Morgens. Heute ist es etwas weniger heiß, was viel Kraft zum Besuch des Festivals lässt. Ein weiterer Knaller nach dem anderen.
Wir gehen die paar Meter um das Amphitheater zum nächsten Veranstaltungsort Corsiere, was Kreuzfahrt heißt. Eine richtige kleines Eventlocation mit Bar, kleiner Bücherei, einer für die Größe des Ortes angemessenen Bühne. Auf der Bühne Proben eine Sängerin und ein Gitarrist für ihr gleich beginnendes Konzert. Eine Mischung aus Chanson und Gipsy Musik. Das Konzert nahezu ausverkauft. Deswegen sind wir nicht hier.
Wir schauen kurz in die Ausstellung von Rebekka Deubner. In München geboren, lebt sie in Frankreich und stellt ihr Thema aus: LA TERRE AMOUREUSE (SAID OF SOIL THAT STICKS TO THE BOOTS). Hmm, es fällt uns auf, dass die deutschen Ausstellungen sehr düster und in sich gerichtet sind. Ihre Aufnahmen und ihre Botschaft erreichen uns nicht.
Weiter geht‘s mit Paul Kodjos PHOTOROMANCE. Eine Rückschau auf das Werk des Fotografen aus Elfenbeinküste, der in den 1970ern als einer der ersten afrikanischen Fotografen das Thema der Soaps entdeckt hat. Einfühlsame Portraits, vor allem von Frauen, die die Entwicklung der Emanzipation der Afrikanerinnen dokumentiert. Ein eigener Raum ist dem Nachtleben von Abidjan gewidmet. Unglaublich wie er den Groove der tanzenden Paare dokumentiert hat.
ENSP Emerging voices
Absolventen der École nationale supérieure de la photographie stellen in drei Räumen aus. Die Serie Can I Come to Your Place?, Denis Valery Ndayishimiye begeistert uns. Ein schwarzer Student fotografiert schwarze Männer in ihren Wohnungen irgendwo in Europa und beschreibt sie, ihre Lebensumstände und wie sie sich fühlen.
Einen Stock tiefer geben wir uns eine kurze Zeit dem Preisträger von
2025 der CURATORIAL RESEARCH GRANT WINNER hin
Die Ausstellung widmet sich der UFO Fotografie lange bevor es Animationen und KI erstellte Aufnahmen kann. Unglaublich, womit sich Menschen beschäftigen und wie verdreht manche sind. War für uns eher etwas Lustiges, da wir das Thema nicht so ganz ernst nehmen.
Wir haben noch Kraft, gehen wir zum Place de la Republique und dort in die Êglise Saint-Anne zu Ming Smith WANDERING LIGHT. Die Franko-amerikanische Fotografin zeigt die ganze Bandbreite ihrer Kunst. Dementsprechend selektiv gehen wir vor. Einige ihrer Balletaufnahmen, vor allem ihre Aufnahmen von Jazzmusikern beeindrucken uns.
Zurück zum Espace van Gogh zum Eis essen. Ui, eine feine libanesische Eisdiele, die sehr feine Sachen anbietet. Ihr Schokoladeneis ein hmmm-Faktor, auch die Erdbeere und für mich ein Mohneis ganz fein. Wir wollen uns nur zum mentalen Durchschnaufen auf eine Bank setzen und Kopf und Augen entspannen. Wir sitzen eher zufällig direkt neben der Tür, die zur nächsten Veranstaltung führt, die wir ursprünglich gar nicht vorgesehen hatten. Ein Film mit einer Dauer von 45 Minuten. Geht in einer Viertelstunde los, ach da gehen wir rein. Clêment Cogitore MEMORY PALACE nimmt uns gefangen. Ein Film über das Vergessen, die Erinnerungen, was bleibt, an was würden wir uns bei freier Wahl am liebsten erinnern. Die Zeit verfliegt. Auch hier sind wir begeistert.
Zurück Richtung Hotel suchen wir noch die Boutique auf, in der wir vorgestern zwei Sommerkleider gefunden haben, dem Sud Express. Ute braucht noch ein paar T-Shirts. Der Typ vom Laden hat ein sicheres Gespür und zieht ein paar schöne Sachen heraus. Locker, lässig und sehr humorvoll. Beiläufig entstehen auch noch ein paar Aufnahmen.
Was für ein gepackter Tag von 9:00 bis jetzt.
Donnerstag, 16.7.2026, 22:00 Arles im Hotel
Es hört nicht auf hier. Gut, es ist knackig warm hier. Jetzt, um 22:00 noch über 30 Grad. Egal, es ist hier einfach zum Verlieben schön. Nach der Pause noch einmal los. Um die Ecke eine Ausstellung von Thato Toeba mit Anyone can be Lucifer im Salle Henri Comte. In Lesotho geboren, lebt er seit Jahren in Frankreich. Eine kleine aber feine Ausstellung. Seine Technik besteht aus Collagen. Eigen Fotos kombiniert mit Ausschnitten der Presse. Es werden u.a. drei winzige Arbeiten gezeigt, die in Apple Schachteln integriert sind. Sehr kreativ.
Wir gehen weiter zum Cloitre Saint-Trophime, der ehemaligen Kathedrale. „Eigentlich“ wollten wir da gar nicht mehr hin, da dort eher abstrakte Fotografie gezeigt wird. Doch neugierig und Zeit habend, gehen wir zum wunderschönen Gebäude mit einem traumhaften Kreuzgang.
Ziel ist die Ausstellung von LARA TABET AND YASMINE CHEMALI mit dem Thema VITREOUS BODY. Was die Künstlerin Lara Tabet und ihre Kuratorin präsentieren, begeistert uns. Sie sind die 2026 BMW Art makers program winner. BMW hat ihnen vertraut und eine Carte Blanche gegeben. Lara ist eine medizinische Biologin, geboren im Libanon lebend in Marseille, hat ein experimentelles bakteriologisches Protokoll entwickelt, in dem aquatische Mikroorganismen mit fotosensitiven Oberflächen reagiert. Diese werden in Gelatin Ebenen von Film eingelagert. Bakterien und Mikroben verändern seine Chemie durch Korrosion und Erosion. Was sehr technisch klingt, bringt erstaunlich farbenfrohe einmalige Strukturen hervor. Was für Farben.
Zum Abschluss ein Stock höher in unsere letzte Ausstellung. Meghann Riepenhoff zeigt ihre Werke upwelling. Sie hat leider gegen Lara Tabert und Yasmine Chemali keine Chance. Wir gegen noch raus und blicken auf den herrlichen Innenhof der ehemaligen Kathedrale. Zwei Stock tiefer studiert Ute die herrlichen Kapitelle und Figuren an den Säulen, die ab 1100 entstanden sind. Etliche Figuren haben Löcher, so regelmäßig, dass Utes Theorie, keine Loriotsche Steinlos sie bohren konnte. Eindrücke satt. So ganz nebenbei schauen in unsere allerallerletzte Ausstellung. Charlotte Gainsborough in der Galerie Du Cloître. Ihre Debutausstellung, die sie mit ihrer Hasselblad fotografiert hat. Über 30 Jahre nach dem Tod ihres Vaters hat sie das Innere sein Wohnhauses fotografiert. Einfach der Vollständigkeit halber.
Zurück zum Hotel, wollen wir uns noch etwas ausruhen, daraus wird nichts. Im Hoteleinganf unterhalten sich drei Mitarbeiter/-innen lachend. Wir stimmen ein und ratschen mit. Olivier drahtig und durchtrainiert, spricht ein paar Brocken Deutsch, alle drei gutes Englisch. Abi aus El Salvador - siehe oben - spricht fließend Spanisch, Französisch und Englisch. Und die junge Oumayma Französisch, Arabisch, Italienisch und Englisch. Respekt. Noch vielem Lachen erbete ich ein paar Portraits. Genehmigt! Bin schon gespannt. Oumayma von marokkanisch-/ italienischer Eltern ist eine smarte, selbstbewusste und fotogene junge Frau. Adi ziemlich clever mit großem Herz und viel Witz. Eine sehr sympathische Crew. Hoffentlich werden die Aufnahmen etwas, damit ich sie hierher schicken kann.
Also keine Pause, ab ins Zimmer, sich schwerer Dinge entledigen und ab zum Essen. Wir haben wieder in einem Restaurant um die Ecke reserviert. Wieder sehr lecker.
Anschließend bzw. abschließend ein Glas Wein und einen weiteren Liter Wasser im Hotelgarten getrunken und ab ins Zimmer. Duschen und fertig. Was für ein Tag.
Freitag, 17.7.2026, noch Arles
wunderbare Tage in Arles gehen zu Ende. Es passt hier einfach alles. Das Hotel erweist sich als Schätzchen. Die sehr freundlichen und zugewandten Menschen. Immer kostenfreies Trinkwasser, eine gut funktionierende Klimaanlage, das Bad immer sauber und eine angenehme Dusche. Frühstück mit allem, was wir uns wünschen können, einen kleinen Hotelgarten mit Service. Und dann die Lage, Lage, Lage. Wir sind extrem verwöhnt worden. Jede Besichtigung innerhalb von Minuten erreichbar.
Mal schauen, was uns in Marseille erwartet. Bevor wir auschecken und zum Bahnhof gehen, schon ein paar Blicke auf den nächsten Ort:
Heute ist es wieder richtig heiß. Wir sitzen am Bahnhof in Arles und staunen, wie viele Menschen nach Marseilles fahren wollen. Das wird kuschelig.
Neben dem Bahnhof liegt noch eine Ausstellung am Ground Control. Wir gehen kurz rein.
Vigilance, work under tension und The inner darkroom von Hu Weiyi. Beides war eher nichts für uns. Vigilance bringt sehr sachliche Aufnahmen von der Arbeitswelt. Für The Inner Darkroom hat der Chinese sich belichtete Filmrollen in den Magen einführen lassen und von den Magensäften entwickeln lassen. Ziemlich ekelig.
Eindrücke aus Marseille
17.7.2026, 16:00, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Unser Zug kommt mit 10 Minuten Verspätung in Arles an. Eine Menge Passagiere bzw. die es werden wollen, warten mit uns am Bahnsteig 1. Der Zug läuft auf Bahnsteig 1b ein. Nicht viele von uns kapieren es, haben so den Vorteil eines Sitzplatzes. Der kurze Zug ist gestopft voll. Nicht alle Passagiere scheinen mitgekommen zu sein. Wir schon. Ute hat schon Recht mit dem, was so geschrieben steht. Die Schnellzüge in Italien und Frankreich sind hoch optimiert und laufen ziemlich gut. Abseits der Hauptstrecken ist der Zustand eher schlechter als bei uns. Egal, wir kommen nach 80 Minuten in Marseilles an. Hier geht im Vergleich zu Arles die Post ab. U-Bahn kennen wir und sind schnell am alten Hafen. In unser Hotel, dem Hotel New Hotel Le Quai, können wir erst um 15:00 einchecken. Ein kurzer Hatsch am sehr schönen Vieux Port mit seiner mediterranen Ausstrahlung - wir sind hier gleich verliebt in den Ort - bringt uns zu einigen Restaurants. Holla die Waldfee, die Preise hier scheinen deutlich höher zu sein und die Portionen für Mittags viel zu groß. Um die Ecke in Reihe zwei. Ein kleines sehr unscheinbares Straßencafé versorgt uns mit koffeinhaltigem Nachschub. Ein paar Schritte weiter finden wir einen Italiener, der Pasta anbietet. Schmeckt ordentlich, nette Atmosphäre, passt. Zurück zum Hotel und einchecken. Unser großes Zimmer liegt im 6. Stock, hat eine riesige Dachterrasse - offensichtlich brauchen wir die immer - mit einem sensationellen Blick auf den alten Hafen. Mensch, was willst Du mehr.
17.7.2026, 22:30, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Gut, es war heute etwas ruhiger. Dennoch nicht langweilig. Nach einer Siesta machen wir uns auf den Weg, den alten Hafen zu besichtigen. Wir lieben das Mittelmeer mit seiner eigenen Atmosphäre. Am Hafen reiht sich Restaurant and Restaurant. Bitte, wer isst denn bei der Hitze Austern oder Muscheln? Wir sind eh noch satt vom Mittagessen. Sie bauen gerade eine Bühne auf, um den Sommer in Marseille zu feiern. Die Tribüne ist auch nicht ganz klein. Der Eintritt wäre frei. Mal sehen. In der zweiten Reihe hinter dem Hafen finden sich auch eine Menge Restaurants, die deutlich mehr nach unserem Geschmack sind. Wir haben ein paar Tage Zeit. Beim Carrefour um die Ecke decken wir uns mit dem Notwendigsten ein. Drei Stück Ciche, eine Flasche Rosé, etliche Liter Wasser, Pappteller, Holzgabeln und einen Korkenzieher. Sie sind hier noch nicht beim Schraubverschluss angekommen. Mit den Utensilien ziehen wir uns auf die Dachterrasse zurück, um die Welt von oben zu betrachten. Liegen auf Liegen, genießen Essen und Trinken und schauen den Menschlein im Hafen zu. Sie schlendern, spielen Ball, lachen, treffen sich und leben das Wochenende. Die Band beginnt zu spielen; eine Art französischer Jazz-Rock. Hier oben laut genug. Wir wollen gar nicht näher dran sein. Liegt nicht an der Musik, sondern an der Lautstärke.
Fähren kommen in den Hafen, führen präzise Drehungen aus, um an ihrem Quai anzulegen. Eine Unmenge Menschen gehen von Bord, die gleiche Masse geht an Bord. Langsam geht die Sonne unter. Magisches Licht, wie gemalt. Die Leuchten der Buden unter uns, der Boote gehen an. Die Kathedrale auf dem Hügel wird angestrahlt. Diese traumhafte Stimmung am Mittelmeer von der Terrasse aus zu genießen. Das Schauspiel aus 20 Meter Höhe lässt uns gebannt zuschauen. Und es gibt jetzt immer noch Restlicht. So herrlich. Die Musiker geben ihr Bestes.
18.7.2026, 7:00, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Ja, sie haben noch bis Mitternacht oder länger gespielt. Egal, ist ja Sommer.
Aufstehen und gleich wieder auf die Dachterrasse. Dieses weiche Morgenlicht über dem Hafen verzaubert uns. Die ersten Boote verkehren schon wieder. Morgendliche Spaziergänger am Quai. In der Wohnung gegenüber wird bei offenem Fenster gesaugt. Unten liegen Obdachlose oder Drogenabhängige auf der Straße und schlafen.
Unser Zimmer ist ebenso wie in Arles mit einer ordentlichen Klimaanlage ausgestattet. Erinnert mich an die Diskussionen zu Klimaanlagen, die gerade in Deutschland herrscht. Mir ist nicht klar, wie die massiven Gegner in diesen klimatischen Verhältnissen ohne Kühlung leistungsfähig bleiben wollen. In München wachen wir bei ähnlichen Temperaturen manches Mal wie gerädert auf und hier stehen wir trotz kurzer Nacht auf und starten den Tag. Los geht’s.
18.7.2026, 18:00, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Schluss, aus, Amen. Es reicht für heute. Erst mal die Temperaturen: In der Spitze 36 Grad, gefühlte 40 Grad. Teils in der Betonwüste am alten Hafen starke Hitzereflektionen.
Die haben wir erst später betreten. Aufgrund der Hitze ging es heute erst mal aufs Wasser. Wir hätten uns auf ein Segel-, Schnell- oder Schlauchboot einmieten, eine Tour mit Schwimmen, Essen etc. buchen können. Nein, wir haben ein ganz normales Touristenboot gebucht. Warum? Einmal ist es groß genug, dass wir sicher im Schatten sitzen können. Und ganz ehrlich, weil der Weg zum Boot sehr kurz war. Aus dem Hotel, umdrehen, über die Straße und schon sind wir am passenden Quai. Es ist Samstag, Hauptreisezeit, so wundern wir uns, wie wenig los ist. Das Boot um 9:30 ordentlich besetzt, bei Weitem nicht voll. Los geht‘s. Raus aus dem alten Hafen, die milde Meeresbrise kühlt uns angenehm runter. Wir kommen aus dem Schauen und Staunen nicht raus. Eine so schöne Küste, ein traumhaftes Meer. Die Felsformationen regen die Fantasie an, überall unterschiedliche Figuren, Tiere, Gestalten. Wir passieren die ehemalige Gefängnisinsel Chateau d‘If. Eine ehemals reale Gefängnisinsel, auf der auch die Geschichte des Grafen von Monte Christo - Edmond Dantes, der Roman von Alexandre Dumas dem Älteren. Weiter geht’s Richtung Calanques von Marseille. Schöner als die Webseite von Marseille-tourisme kann ich es auch nicht beschreiben: „Das Massif des Calanques ist ein Naturwunder, das zwischen Marseille und La Ciotat eingebettet ist. Diese außergewöhnliche und einzigartige Landschaft ist ein absolutes Muss in Marseille! Denn zwischen Kiesel- und feinen Sandstränden, kleinen Buchten und türkisfarbenem Wasser hat dieses Schmuckkästchen der Artenvielfalt alles, was eine Postkarte ausmacht!“ Knapp vier Stunden fahren wir durch dieses kleine Paradies, besuchen Buchten, sehen Felsen aus dem Wasser ragen und das smaragdgrüne Wasser. Was wir nicht verstehen ist, dass es in der sengenden Hitze Wanderer gibt, die im Nationalpark Calanques Bergwanderungen in bis zu 400 Meter über uns unternehmen. Oder, dass auf den glühendheiß aufgeheizten Felsen ohne Schatten, die Menschen in der prallen Sonne liegen. Ihr Bier. Wir staunen und freuen uns über diese wunderbare Tour.
Auch, wenn es warm bzw. Heiß ist, hüngert es Ute. Da ich immer noch nahezu immer essen kann, gehen wir nach der Ankunft und kurzem Frischmachen im Zimmer in die zweite Reihe zum Restaurant Mallãtche, einem Marokkaner. Es gibt Zaalouk, ein Salat aus Auberginenmousse und Gurken und Tomaten, den wir uns teilen. Ute nimmt ein Tajines mit Kefte (Hackfkeischbällchen) und ich Couscous mit Lamm, dachte ich. Es kam zu einer großen Schüssel Couscous eine Schüssel mit in köstlicher Sauce gekochtem Gemüse und ein Teller mit einer Lammhaxe. So zart, für die Temperaturen etwas overdone. Egal, wurde von uns beiden komplett vernichtet.
Es ist 15:00, zu früh für das Ende des Tages. Wir gehen im Schatten weiter zum nächsten Highlight, der Nachbildung der Cosquer-Höhlen. Mensch, da waren wir doch heute schon. Die sagenhaften Höhlenzeichnungen sind bis zu 30.000 Jahre alt. Damals, während der Eiszeit, lag der Höhleneingang auf Meereshöhe, heute 37 Meter unter Wasser. Wie in einer Geisterbahn fahren wir, mit Kopfhörern versorgt, durch die Nachbildung der Höhle, die gescannt und naturgetreu rekonstruiert wurde, bestaunen Pferdezeichnungen, Löwen, Wisent, Pinguine - merke: Eiszeit -, Hände, Feuerstellen. Magisch!
Dann durch die jetzt brennende Asphaltstadt über Carrefour ins Hotel - Pause bzw. Feierabend. Der wird wieder auf der Dachterrasse verbracht.
18.7.2026, 23:00, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Kleiner Nachtrag zu heute Abend. Marseille feiert den Sommer, so das Motto am Quai. Und wir dürfen sehr entspannt von hier oben teilhaben. Die Wimmelbilder auf dem Quai, die Musiktribüne am langen Hafenrand. Die Straße an der Tribüne rappel voll. Eine riesige Stimmung. Die Gruppe und ihre Lieder scheinen bekannt zu sein. Die Leute singen mit. Es spielt keine Rolle, dass gerade das Fußballspiel ENG-FRA beginnt, Stau auf der Straße, die marokkanischen Musiker direkt unter uns nerven seit Stunden mit dem selben Rhythmus, wir können ihn ausblenden. Was für ein Privileg, solche Abende erleben zu dürfen.
19.7.2026, 17:00, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Tempo rausnehmen. Was bisher schon sehr warm war, hat sich doch wieder als die schon seit Wochen beschriebene Hitzewelle, wohl eher eine Hitzewand herausgestellt. Die nächsten Tage soll es, je nach Wetter-App zwischen 37 Grad und 39 Grad heiß sein. Da werden wir unser „Programm“ deutlich runterschrauben.
…das hatte ich um 7:00 geschrieben.
Und so kam es dann auch. Unser Programm drastisch reduziert, laufen, ne schleichen wir in der Früh die 20 Minuten zum MUCEM, dem Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée. Zumindest befinden wir uns hier meist im Kühlen. So richtig wissen wir nicht, was uns erwartet, umso gespannter sind wir. Um es vorweg zu nehmen. Von 10:00-16:00 ist trotz einiger notwendiger Pausen eine ganz gute Verweilzeit. Wobei wir bei Weitem nicht mehr alles aufnehmen können. Arles wirkt noch nach.
Zuerst in die Sonderausstellung Bonnes mères, gute Mütter. Aus Sicht der mediterranen Länder und Kulturen entwickelt die Ausstellung Mutterschaft als intime Erfahrung, eine soziale Konstruktion, politische Komponenten und künstlerische Motive. Den Stoff zu verdauen wäre schon ausreichend. Ne, wir geben uns die volle Kante. Also zur Dauerausstellung Mediterranean. Mucem ist das einzige soziale Museum, dessen wissenschaftliche Ansätze und Forschungen sich völlig den Kulturen des Mittelmeers widmet. Vor allem ganz schön politisch, indem die nicht immer positive Kolonialzeit der Franzosen kritisch dargestellt wird.
Pause auf dem Dach und einen schönen Schwarztee mit Zitronen genossen. Von hier oben haben wir einen herrlichen Blick auf die Hafenausfahrt. Viele Boote fahren heute bei dem leichten Wind Richtung Calanques. Sobald sie aus dem Hafen sind, werden die Segel gesetzt, die Boote bekommen ein ganz schöne Seitenlage und zischen von dannen.
Nach der Pause geht’s über eine spannende Brücke zum Fort Saint-Jean in die Ausstellung Clément Cogitore: Ferdinandea, die vergängliche Insel. Eine Arbeit dieses Künstlers durften wir schon in Arles bewundern. Den Film Memory Palace haben wir nicht vergessen. Die Bildsprache dieses Werkes wieder spannend, weil teilweise durch die Aufnahmen unter Wasser abstrakt. Viele unterschiedliche Sprachen und Sichtweisen dokumentieren die Entstehung der Insel Ferdinandea in der Straße von Sizilien, die durch einen Vulkanausbruch Ende Juni 1831 entstanden ist, schon verteilt wurde, bevor der Bär erlegt war (Zitat Ute) und Mitte Juli 1831 wieder verschwand. Packende 42 Minuten.
Den Ausblick aufs Meer und die herrliche Brise genießend, bleiben wir ein wenig am Fort, bevor wir die nächsten Besichtigungen angehen.
Im Erdgeschoss finden wir Popular? Treasures from the Mucem collections.
Es wird ein Querschnitt der vom Museum gesammelten Stücke des Mittelmeerraums gezeigt, um eine Sicht auf die Region von Anfang 2000 bis zur Gegenwart zu zeigen. Ganz schön viel Zeug und - wie heißt es so schön - nicht ganz unkomplex.
Als Finale schauen wir noch in die Ausstellung Mossi Traoré : Fashion, Too rein. Ein experimenteller französischer Modemacher, der Kollektionen zeigt, kombiniert mit einigen Filmen über die Handwerkskunst des Schneiderns. Jetzt sind wir platt und schleichen Richtung Hotel.
Wenn da nicht noch am Straßenrand das mémorial des déportations gewesen wäre. In einem Bunker des Deutschen Südwalls aus dem Zweiten Weltkrieg wurde ein kleines Museum integriert, das über die schreckliche Zeit der Deportationen und der Zerstörung Marseilles ab 1943 berichtet. Nicht mit den großen Zahlen sondern mit den Schicksalen einiger Betroffener. Wir können da nicht einfach vorbei gehen, sondern müssen unser Geschichtsbewusstsein immer wieder nachschärfen. Gerade jetzt, wo immer stärker werdende Kräfte bei uns versuchen, die schreckliche Zeit aus unserem Bewusstsein zu drängen. So erschöpft wir auch sind, diese Auffrischung geht immer.
Es ist glühend heiß und wir gehen Richtung Hotel, stellen leider fest, dass der Carrefour hier heute seit Mittag geschlossen hat - ok, es ist Sonntag - und wir kein Abendessen haben. Dann gehen wir nachher eben noch einmal raus. Ein wenig Essen nach dem Frühstück darf doch sein.
20.7.2026, 14:30, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Wir waren dann auch gestern noch kurz gegenüber in einem Restaurant. Trotz der barbarischen Hitze braucht der Körper Nachschub. Unser Service eine.ganz nette Neapolitanerin. Und da ich auch „mal wieder was sagen wollte“;) haben wir einfach italienisch gesprochen. Geht ganz gut. Dranbleiben! Den Abend verbringen wir wieder in unserer Loge hoch über dem alten Hafen. Spektakulär, was in der Dämmerung am Himmel und damit in der Stadt vor sich geht. Eine Häuserreihe schräg gegenüber wir von der untergehenden Sonne angestrahlt. Die Fenster scheinen blutrot zu brennen. Darüber im Hintergrund leuchtet die Basilika Notre Dame de la Garde und wird dazu noch mit Kunstlicht angestrahlt. Der Himmel mal Orange mal Lila, heute hängen dunkle Wolken über dem Meer, senkrechte, vor allem waagerechte Blitze gehen nieder. Irgendwann scheint das Endspiel der Fußball WM zu beginnen. Interessiert hier niemanden, auch uns nicht. Ach ja, heute Morgen lesen wir, dass Spanien gewonnen hat. Immerhin ein Europäer.
Heute morgen verpennen wir trotz Wecker bis 8:00. Das waren jetzt 7 Tage im Vollrausch der Impressionen. Etwas runter zu kommen, ist wohl zulässig. Wir nehmen den 60er Bus zur Basilika hinauf. Es ist um 10:00 schon recht warm. Noch vor den Menschenmassen, die nach unserem Besuch den Hügel hinauf strömen können wir die herrliche Kirche besichtigen. Um die Basilika verlaufen Plätze und Aussichtspunkte. Herrliche Blicke auf die verschachtelte Großstadt Marseille, den von hier oben kleinen alten Hafen, das wunderschöne Mittelmeer, die Insel Chateau d‘If, die ersten Calanques, die außergewöhnliche Küste. Müssen wir hier wirklich weg von hier?
Wir nehmen den Bus zur anderen Endstation und schauen in die Kathedrale Major. Ein mächtiger byzantinisch-neuromanischer Bau, sehr schön. Leider wird die Atmosphäre durch zu laute Besucher massiv gestört. In der ersten Reihe betet bzw. meditiert eine bunt gewandete Afrikanerin und scheint von dem Trubel nichts mitbekommen zu haben.
Die Kirche dennoch ein Genuss. Draußen ist es nicht so heiß geworden, wie gestern. Erträglich! Mit dem Bus zum alten Hafen, eine Kleinigkeit zu Essen eingekauft und Rückzug auf unser Zimmer. Wir sind zugegebenermaßen etwas platt.
Ach ja, hab ich es schon gesagt? Unser Zimmer wieder genial und die Klimaanlage außergewöhnlich gut. Kaum zu hören, hält sie Temperatur auf 23 Grad. Da läßt es sich bei 35 Grad draußen recht bequem aushalten.
20.7.2026, 23:00, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
… Platt ist keine Begründung. Ausruhen war der Plan. Hat eingeschränkt funktioniert. Irgendwann kam der Service für neues Wasser. Irgendwann kam der Zimmerservice. Sie haben erst die Zimmer der Anreisenden gereinigt, wir bleiben ja noch etwas. Also runter in die Lobby, um Platz zu machen. Die Kamera ist dabei. Erst ein paar Streetaufnahmen aus der Lobby - auch spannend, dann geh ich ein paar Minuten alleine auf Streifzug. Es ist warm bzw. heiß, ich genieße diese Mittelmeerhitze mit einer leichten Brise. Das Licht viel zu grell, also eine Häuserzeile zurück in den Schatten. Die Seitenstraße, in der wir am Freitag die Pasta bekommen haben und auf den Platz, auf dem am Wochenende Pétanques gespielt wurde. Heute stehen auf dem Platz ca. 100 Tische mit Schachbrettern. Cooles Motiv. Ein paar Aufnahmen später spricht mich ein Mitglied, des, wie es sich im Gespräch herausstellt, Marseiller Schachclubs an. Von 17:00 bis 21:00 findet hier ein Event statt. Zutritt für jeden. Ich könnte ja auch spielen oder ein paar Aufnahmen machen und die in Social Media posten. Social Media? Mach ich nicht, aber ich kann ihnen Bilder zusenden.
Erst mal zurück ins Hotel. Die Zimmer werden schon fertig sein. Dann bekommen wir mit, dass der Lift blockiert ist. Wir wohnen ja nur im sechsten Stock. Geht ganz ordentlich trotz der Temperaturen. Aber jetzt etwas ausruhen. Gegen 17:30 gehen wir los, um die Schachveranstaltung zu besuchen. Die junge Frau vom Schachclub sehe ich nicht mehr, entsprechend vorsichtig wird die Kamera genutzt. Spricht uns ein weiterer Typ vom Schachclub an: stellt sich als Ernest Moket vor, Mitglied des Schachvereins und Mitorganisator der Veranstaltung. Wir ratschen und er ermuntert uns, Aufnahmen zu machen. Gerne… ein sehr sympathischer Typ. Die Begeisterung, der Respekt, der Fokus auf das Spiel, die Geschwindigkeit bei den auf drei Minuten angelegten Turnierspielen - mitreißend. Dabei spielen Männer, Frauen jeden kulturellen Hintergrunds auch gegen Kinder, etwa 7 Jahre - das ist das genannte Mindestalter. Und sie zeigen ihren Respekt vor den Kids, die zum Teil vollkonzentriert rasend schnell spielen. Uns wird vor Freude und Begeisterung schwindelig. Erst mal was essen, wir kommen wieder und verabschieden uns von Ernest. Zurück zum 1860 Le Palais. Heute gönnen wir uns Cevice und für Ute einen Pulpo-Fuß, für mich ein Thunfisch Steak. Sehr gutes frischen Essen. Anschließend zurück zum Schachturnier. Ganz im Gegensatz zu den mir bekannten gesetzlichen Einschränkungen schauen mich die Spieler offen an. Nach Blickkontakt haben sie nichts gegen Aufnahmen. Wieder faszinierend, wie gespielt wird. Meine Augen suchen Ernest. Ich erzähle ihm, dass ich Bilder schicken kann, wenn eine e-Mail Adresse vorliegt, kein Thema, hab ich. Wir schauen ganz begeistert weiter zu. Wie bekomme ich junge Menschen von der Straße? Genau so! Die fokussierten Augen, die Wertschätzung dem Gegner gegenüber, die Freude, die Akzeptanz und Fairness beim Verlieren sind bemerkenswert.
Wir müssen uns regelrecht losreißen, auch, weil,ich merke, dass manche Spieler sich vom Fotografieren ablenken lassen.
Begeistert verbringen wir den Rest des Abends auf unserer Dachterrasse und freuen uns über den Sommer, den Marseille unter uns am Quai feiert.
Dienstag, 21.7.2026, 14:00, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Jetzt geht’s dahin und ist doch noch spannend. Es ist heute etwas kühler, nein, es ist etwas weniger heiß. Aktuell nur 30 Grad.
Heute Morgen sind wir vom Hotel aus losgestiefelt und Richtung Rathaus gegangen. Dort beginnt das Viertel Le Panier. Das älteste Viertel der Stadt. Wir sind auf der Jagd nach Werken vom Space Invader. In Marseille soll es etwa 89 seiner Mosaiken geben. Außerdem wollen wir die Graffiti der Stadt erkunden. Es geht bergauf, bergab durch enge Gassen, wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Ok, die Geschichte mit dem Space Invader hat sich schnell erledigt. Die meisten Objekte sind nahezu identisch, blau-weiße Marsianer. Dafür hauen uns die Wandbemalungen um. Natürlich gibt es eine Menge Schmierereien, jedoch begeistern uns die oft politisch ausgerichteten Kunstwerke und die Portraits. Die Kamera hat viel zu tun. Wenig Touristen, es ist Stadt von, für und mit Menschen aus Marseille. Was immer wieder auffällt, ist die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen. Egal, ob wir in ein Café gehen oder am Straßenrand etwas zu essen kaufen, ein Lächeln, ein Scherz, sei es auf Französisch - was mir nicht viel hilft, sei es auf Englisch ist immer drin. In einigen Gassen haben die Bewohner Pflanzkübel auf die ohnehin engen Wege gestellt, egal, es wirkt und ist grün. Immer wieder lesen wir ganz reizende Sprüche an den Wänden. Ein Platz genau für uns gemacht. Zwischendurch eine Limo und ein Espresso, dann geht’s weiter. Nach knapp vier Stunden, in denen wir Le Panier rauf und runter gelaufen sind, machen wir uns auf den Weg ins Hotel. Siesta!
21.7.2026, 23:00, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Es wurde ab 22:00 langsam dunkel. Wir sitzen / liegen jetzt immer noch auf der Dachterrasse und bestaunen die kleine Welt unter uns. Eine Demo für den Rapper Mehdi Black Wind, der seit ein paar Tagen in Marokko im Gefängnis sitzt. Seine Raps sind wohl etwas kritisch, was ja nicht verboten ist. Ein paar Menschen, vielleicht 100 tragen Plakate. Die Demo wandelt sich zum Happening und weiter zu einem Rapp-Konzert aus. Die Welt am Hafen geht weiter. Die nordafrikanische Familie bestehend aus Vater und zwei kleineren Jungs terrorisieren uns wieder mit ihrer monotonen Musik. Egal. Die Abendstimmung phänomenal. Wir wollen gar nicht heim, obwohl es mit dem Leben aus dem Koffer reicht. Das Mittelmeer, diese unglaubliche Diversität, die Freundlichkeit auch des letzten Verkäufers in einem Kiosk. Mit einer Träne im Knopfloch trinken wir den letzten Schluck Rosé und gehen ins Zimmer.
Ach ja, falls wir einmal hierher zurückkommen sollten, unbedingt Zimmer 604 buchen. Es ist ein Traum.
Morgen geht’s wieder nach München.
22.7.2026, 9:00, Marseille Hotel New Hotel Le Quai
Noch ein wenig Zeit, bevor wir uns auf den Weg zum Flughafen machen. Zeit, in der Süddeutschen Zeitung zu blättern, Zeit für etwas blödes Ärgern über die Politik, aber auch Zeit, einfach durch ein paar Artikel zu stöbern. Gerade heute findet sich ein langer Beitrag über Marseille. Zufall? Die Stadt, von der wir noch nicht viel gesehen, aber viel gesehen, gerochen, gefühlt, erfahren haben. Sie ist hier schön beschrieben.
Zitat SZ vom 7.11.2025
„Wahrscheinlich ist Marseille ja eine der kosmopolitischsten Städte Europas. Nicht unbedingt weltbürgerlich, wie das zum Beispiel London ist, oder Paris, mit ihrer globalen Aura. Aber weltoffen, offen zur Welt. Geformt aus vielen Wellen der Migration. Sie ist sehr algerisch, aber auch marokkanisch, armenisch, sehr komorisch, tunesisch, nigerianisch, malisch, vietnamesisch, chinesisch, sehr, sehr italienisch auch, spanisch, korsisch, was auch französisch ist, aber anders. Ein Haufen Mikrokosmen, alle prägend.“
Adieu und Bisou
22.7.2026, im Flugzeug nach München.
Heute geht’s mit UBER zum Flughafen. Kostet nur 5€ mehr als öffentlich und ist ohne Umstieg. Ruhiger Flughafen, ruhiges Boarding. Wir kommen recht pünktlich vom Hof. Auch der Heimflieger wieder eine BMW Maschine mit uns zum Auffüllen. Das nächste Mal doch über Nizza? Spricht mich Ute an. Hast Du gesehen? Marie Bäumer ist gerade an uns vorüber gegangen. Marie who? Ein bekannter, verzweifelter Blick zu mir. Na die Schauspielerin aus Schuh des Manitu und Romy Schneider hat sie auch mal gespielt. Beherrschter gequälter Blick zu mir. Aus dem ersten Teil vom Manitu. Also mit der Frau benötige ich keine Gesichtserkennung mit KI. Da ist Ute schneller und besser und umfangreicher. Ich fasse es nicht.
Guter Auftakt zur Heimreise.