furt samma
 

Norwegen.

Hurtigruten 8.11. - 20.11.2015

Alleine die Idee liest sich schon widersprüchlich. Was um Himmels Willen haben wir im November in Nordnorwegen zu suchen? Vielleicht ist es genau dieser Reiz, der Lust auf diese Reise macht, nachdem Ute mich schon seit mindestesn 20 Jahren motivieren möchte. Ja, Ja, Ja...

Gebucht wird über Eclipse Reisen die "Fahrt zum Polarlicht" und da wir uns über den benötigten Erholungsbedarf einig sind, buchten wir die Suite No. 502 am Vorderdeck Steuerbord.

Zunächst feiern wir vom 6.11. auf den den 7.11. in Thilos Geburtstag. Die eingeladenen Freunde allesamt sehr spannend; ein Spektrum von Thilos Gemeinschaft. Aus der "Schweinebratenrunde" kamen Anwälte, eine Managementberaterin, es feierte eine Psychologin mit, Siggi mittlerweile Hauptabteilungsleiter bei Audi, seine ganz tolle Partnerin Amra, eine spannende Kollegin aus dem Vertrieb von BMW ( ;-) Eike hat mittlerweile einen anderen "Status"), ein ehemaliger Entertainment Manager von einem Kreuzfahrer, natürlich unsere Dominique und noch weitere interessante Menschen mit interessanten Geschichten.

Am Samstag  gepackt; na klar packt Ute - auch weil sie es in dieser Disziplin zur Meisterschaft gebracht hat. Wir zwei  sehr sehr müde - von der Arbeit, meiner Nierensteinentfernung und weil uns die Summe der Belastungen schon an unsere Grenzen gebracht hat.

Samstag spätnachmittags wurde von der KLM ein early Check-in angeboten, den wir nutzen. Die Organisation holpert etwas, ein wenig nervige Wartezeit inklusive, aber gegen 18:15 sind wir unser Gepäck los und tragen die Bordkarten mit uns.

Das Champur an diesem Abend bereits ausgebucht, so spazieren wir zum Ro-Ka-Platz und lassen uns auf ein relativ neues Restaurant mit vietnamesischer Crossover Küche, das Kim Sang ein. Ein modernes Lokal mit groovigem Ambiente und entsprechendem Service. An diesem Abend feiern sie die Auszeichnung der "besten Ente Münchens" und bieten deshalb ausschliesslich Ente an. Wir lassen uns auf eine Entenmenü ein, es ist eine Wucht.

Sonntag 8.11.2015 morgen - München

4:45 - der Wecker klingelt. Schlafwandlerisch bereiten wir uns auf den Tag vor. Sicher sind die morgendlichen Kriege schon eine Urzeit her, dennoch verblüfft es, wie sich die südafrikanische Vorbereitung auf einen Game Drive in aller Früh auf unser Selbstverständnis ausgewirkt hat, mit Ruhe in aller Frühe in einen Tag zu gehen. Um 7:00 fliegen wir nach Amsterdam, wir haben dort nur eine Stunde Aufenthalt, was mir etwas knapp vorkommt, sicherlich geprägt von dem heißen Trip nach Chennai vor etwa einem Jahr. Ich werde wieder einmal eines besseren belehrt. Wir landen pünktlich an Gate C12 und unser Abfluggate ... C12. Ankunft gegen 14:00 in Bergen, einschiffen auf der MS Nordnorge und ab in die Stadt. Bergen berühmt für seinen Dauerregen an 256 Tagen im Jahr. Wir haben Glück,  Spaziergang zur Altstadt am Fjord. Natürlich bekommen wir Hunger, natürlich kehren wir ein. Wir finden eine Art Fischmarkt mit unterschiedlichen Restaurants, eines davon von Italienern geführt. Hier im Norden? Wir nehmen in einem norwegischen Restaurant ein Makrelenbrot für Ute und für mich ein Lachsbrot, beides auf einem knusprigen Vollkornbrot, dazu jeweils ein Bier. Es schmeckt hervorragend, wir sitzen quasi im Freien unter Heizpilzen, das Servicepersonal heiter und gut drauf. Nur zwei Mal seien die irrwitzigen Preise im Bericht erwähnt. Für die beiden Brote und die beiden Biere berappen wir über 40€ - Alleine die Biere hier kosten etwa 10€ pro Glas.

Gegen 17:00 begeben wir uns an Bord, freuten uns unheimlich über die Suite, bestehend aus Wohn- und Schlafzimmer, ordentlich groß und vier Fenster nach draußen. Um 19:00 gibt es einmalig ein Abendbüffet, sehr ansprechend und wohlschmeckend. Wir haben Glück. Das Schiff der Huertigruten fasst im Maximum knapp 600 Passagiere, es sind sicher nicht mehr, als 100 an Bord. Das Schiff, erbaut 1997, komfortabel und schön ausgestattet, nicht übertrieben, sondern einladend. Die Nacht läßt uns tief und sorgenfrei schlafen.

Montag 9.11.2015 - auf dem Meer

Wir hören sehr wohl die Ansage, dass es am Morgen auf offene See gehen sollte und das Meer etwas unruhig wird. Auch, wenn uns beiden in der Früh übel ist, stecken wir es ordentlich weg und lassen uns das Frühstück schmecken. Am letzten Tag der Reise erfahren wir, dass wir Windstärke 10 erlebt hatten. Die Frische der Speisen, die Qualität des Lachses, die Auswahl an Obst und Salat lassen kaum einen Wunsch offen.

Am Nachmittag nehmen wir an einem Ausflug in die Stadt Alesund teil. Alesund brannte 1906 komplett ab und wird mit Hilfe von Kaiser Wilhelm II und vielen anderen helfenden Händen in kürzester Zeit wieder aufgebaut. Die Fußgängerstrasse ist weltweit die einzige Straße, die ausschließlich mit Jugendstilhäusern gebaut wurde. Es ist schön, sich der englischsprachigen Gruppe angeschlossen zu haben, sie ist deutlich kleiner als die deutsche und wir haben eine Menge Spaß.

Am Abend die erste Polarlichtwarnung - es regnet in Strömen, so geben wir gegen 22:00 auf und fallen in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

Dienstag 10.11.2015 - auf dem Meer

Wir verbringen einen herrlich entspannenden Tag an Bord, dösen vor uns hin, ab und zu auf Deck 5 um das Schiff, beobachten das An- und Ablegen. Um 16:00 besuchen wir den ersten Vortrag von Dr. Andreas Walker, einen der beiden Reiseleiter der Gruppe Eclipse. Die zweite Reiseleiterin Gretel Waltz eine im Kleinwalsertal geborene, im Südschwarzwald lebende und in der Schweiz als Fotografin arbeitende Dame mit großer Lebensfreude und Humor, hatte ihre Stimme in einem Stau verloren. Sie vermutet die Ursache könnte der LKW-Diesel sein, was dem gemeinsamen Spaß keinen Abbruch tat. Abends ist ernsthaftes Polarlicht angekündigt. Wir retten uns halb dösen durch den Abend bis nach 22:30, als der Regen aufhörte. Ja, wir könnten ein paar Bilder aufnehmen. Nein, die Qualität der Bilder, die wir im Netz gefunden haben, ist es bei Weitem nicht. Gretel beschreibt es als krötenschlammgrün - ich schließe mich vorbehaltlos an.

Mittwoch 11.11.2015 - auf dem Meer

Nachdem wir erst gegen 0:30 im Bett sind, stelle ich den Wecker auf 8:30, um möglichst lang ruhen zu können. Am Morgen gegen 7:15 überquert das Schiff den Polarkreis. Die lange Morgenruhe spielt ohnehin keine Rolle, da wir nur noch von ca. 9:00 bis 14:30 - täglich kürzer werdend - Licht haben, respektive einen Dämmerzustand erleben können. Wieder lassen wir uns treiben, teils auf Deck 7 mit der Aussichtsplattform, teils in der Kajüte auf der Couch oder im Sessel - herrlich entspannend. Am Abend haben wir ein Wikinger Feast auf der Hauptinsel der Aleuten gebucht. Hier nur sehr kurz, um den Ärger klein zu halten. 30 Minuten Busfahrt zu einem Wikingerzentrum, eine Stunde Lammfleischessen mit Met und Minimalunterhaltung, 50 Minuten Busfahrt zu einem anderen Hafen - und das ganze für mehr als 190€ pro Person. Um 22:00 sind wir wieder an Bord, haben ein paar Drinks mit einem mitreisenden Rentnerehepaar, die über 5 Jahre in Port Elizabeth gelebt hatten - ich vermute, bei Daimler gearbeitet - und mit denen wir an einem Tisch sitzen. Um 23:15 wird auf Deck 7 im Aussenbereich ein Trolltrunk, eine Art Glühwein, gereicht und dann fahren wir in der Dunkelheit in den Trollfjord ein. Die Einfahrt nur wenig breiter, als unser Schiff, läßt uns in diese Sackgasse. Der Fjord wird auch innen nicht wesentlich breiter, so dass wir eine Handbreit von den steil aufragenden Wänden entfernt sind. Der Kapitän strahlt die Wände und Wasserfälle an. Ein unglaubliches Erlebnis.

Donnerstag 12.11.2015

Wieder gegen 8:30 wecken, Ute schaut aus dem Fenster und in der Folge hüpfe ich in warme Klamotten, packe meinen Fotoapparat und stürme nach draußen. Ein Hauch von Sonnenaufgang vor verschneiten Bergen. Die gestrigen Erzählungen waren schon richtig. Das dunkle Meer und die Wälder schlucken jedes Licht. Dennoch ein fantastisches Erlebnis.

Nach ein paar Stunden fahren wir auf Tromsö zu. Wir sind uns noch immer nicht sicher, ob wir einen Spaziergang durch die Stadt machen sollen. Es schneit leicht und die Nacht bricht in etwa zur gleichen Zeit unseres Anlegens am Pier herein. Es ist 14:15. Vom Pier aus können wir die Kathedrale und die Brücke über den Fjord sehen und so ziehen wir uns warm an, es herrschen etwa 4 Grad. Tromsö eine nette kleine Stadt. In etwa 70.000 Einwohnern, die größte Stadt in Nordnorwegen. Es fühlt sich ähnlich an, wie die Äquatorüberquerung auf dem Flug nach Johannesburg an. Solange man über diese Überschreitung eines signifikanten Erdkreises theoretisch spricht, hat diese keine Bedeutung. Auf unserem Weg zum Nordkap fühlen wir die Überschreitung des Polarkreises sehr wohl. Die Kirche von Tromsö, ein Holzbau wie meist, ist einfach, jedoch sehr atmosphärisch gestaltet. Die Fußgängerzone beherbergt sehr schöne, geschmacklich fein eingerichtete Läden, auch, wenn wir sie nur im Dunkeln betrachten können, es ist 15:15. Anschließend marschieren wir auf einen kleinen Stadthügel, um eine bessere Übersicht über Tromsö zu bekommen. Beim Weg zurück zum Schiff passieren wir die große Stadtbibliothek, in der sehr eifrig gelesen und gelernt wird und am Kai tut sich ein Traum-Motiv auf: Im Hintergrund die Kathedrale und im Hafen fährt ein schönes Schifferboot auf mich zu. Durch die Dunkelheit - und weil ich geblockt war - habe ich nicht unter 1 Sekunde belichtet und immer auf das Boot fokussiert. So wird beides unscharf - die Kirche und das Boot. Ich ärgere mich immer noch, weil die Beißhemmung, die ISO Anzahl hoch zu jagen aus meiner Filmzeit noch immer nicht überwunden ist.

Heute Abend wird es spannend. Wir befinden uns gerade im Zentrum der Polarlichtaktivitäten dieses 11 jährigen Zyklus. In den letzten Tagen waren wohl die Polarlichter noch ausgeprägter - über den verregneten Wolken. Heute regnet es immerhin nicht. Die visuelle und fotografische Polarlichtwahrnehmbarkeit heute Abend liegt bei jeweils 100%. Wenn, ja wenn die Wolkendecke aufreißt. Wir werden eine weitere Nacht trotz großer Müdigkeit in Long Johns zwischen 21:30 und 0:30 mit Stativ und Weitwinkelobjektiv auf dem Außendeck verbringen und auf schönes Polarlicht hoffen.

Freitag 13.11.2015

So verläuft der Abend dann doch nicht ganz. Nach einem weiteren hervorragenden Abendessen tun wir uns den Vortrag des Küchenchefs an. Der arme Kerl ist kein begnadeter Redner, hat dennoch das Konzept der Küche der Hurtigruten positiv verkauft und auf die lokalen Spezialitäten und den Einkauf und die Logistik der lokalen Lieferanten hingewiesen. Wenn ein Vergleich zulässig wäre, erinnert mich das Konzept und die Qualität des Essens an das Piemont. Wenn ich auch nicht so viel Eiweiß essen sollte, die Qualität von Fisch zum Frühstück, Mittag- und Abendessen ist schon sensationell.

Nach dem Vortrag besuchen wir noch die Bar. Mir ist nach etwas Hochprozentigem zumute, da ein Schniefen und Husten spürbar wird. So versuche ich den Long Island Icetea, den die Mitreisenden "Südafrikaner" schon getrunken hatten - starker Stoff aus Wodka, Tequila, Orangenlikör, weißer Rum, Gin und ein Hauch Cola. Das macht Freude. Zum richtigen Aufwärmen darf es dann noch ein Mexican Coffee sein. Danach kommt die Bettschwere allzumal auch draußen kein Wetter herrscht, das die Beobachtung von Polarlicht wahrscheinlich macht.

10 Stunden später  ein schönes Fisch-Frühstück und anschließend machen wir uns für den Ausflug zum Nordkap fertig. Das Tageslicht sollte von 9:00 - 13:00 auftauchen, tut es nicht. Kalt, windig und es schneit. Der Bus bringt uns die 45 Kilometer zum Nordkap, wo ein noch stärkerer Wind herrscht, nahezu kein Sicht. Wir können weder das 370 Meter tiefere Meer noch die umliegenden Hügel erkennen. Auch nicht der Landzipfel, der 1,5 Kilometer weiter nördlich als das Nordkap endet. 1553 wurde jedoch entschieden, dass aufgrund der besseren Zugänglichkeit das Nordkap qua definitionem den nördlichsten Punkt Europas darstellt.

Bei all dem Wetter tauschen wir uns über die Reiseanstrengungen derer aus, die vor den Möglichkeiten der entspannten und doch luxuriösen Art der Reise, wie wir sie heute erleben dürfen, die früher die Küste Norwegens entlang gesegelt sind, ohne technische Hilfsmittel wie GPS ihren Weg finden mussten. Und an diejenigen, für die das Nordkap, für uns heute der Endpunkt Europas, erst der Anfang ihres Abenteuers war. Diejenigen, die noch weitere 2.500 Kilometer auf ihrem Weg zum Nordpol zurück zu legen hatten und ab jetzt nicht mehr auf die klimatischen positiv wirkenden Einflüsse des Golfstroms zählen konnten. Dabei ist die Busfahrt zum Nordkap für uns schon ein Abenteuer, da wir damit auf unseren Längengraden von der Südspitze Südafrikas bis hierher die Landmasse der Erde einmal überquert haben.

Zurück an Bord sitzen wir um 15:00 auf dem Aussichtsdeck und starren in die tiefe Nacht. Sehr entspannend.

Jetzt haben wir eben die Finnkerkja, eine Felsformation passiert, die wie eine Kirche aussehen soll ... wenn man sie sieht. Es gab wohl technische Probleme, außerdem ist es schon sehr dunkel, so können wir nur wenig sehen, das Licht, welches der Kapitän als Kompensation für uns angeschaltet hat, reicht nicht. Das macht nichts, so herrlich entspannt, wie hier noch Tourismus gemacht wird. Zur Dunkelheit, aus der ja die Finnkerkja scheinen sollte,  gibt es eine Rindfleischbrühe, einem National- und Hochzeitsgericht der Samen, begleitet von samischer Musik. Passend zum Schneetreiben und der Kälte an Bord. Ute sieht den Funken eines Sterns  - vielleicht geht heute doch etwas Richtung Polarlicht.


Samstag 14.11.2015

Natürlich gab es gestern kein für uns sichtbares Polarlicht, da die Wolkendecke zu dick ist. Wir bekommen lediglich über Webcams und Anwohner mit, dass derzeit fantastisches Polarlicht vor und nach uns zusehen ist. Wir jedoch schleppen dieses Wolkenband mit uns mit. Dafür war das Abendessen wieder einmal vorzüglich, zu dem wir uns eine Flasche Sancerre gegönnt haben. Die Fischqualität ist durch die Kleinfischer, von denen die Hurtigruten die Ware abnehmen von außerordentlichem Niveau.

Heute Morgen klingelt der Wecker um 7:00, da der Ausflug nach Kirkenes auf dem Programm steht. Sonnenaufgang soll gegen 9:00 und Sonnenuntergang gegen 13:00 sein. Es bleibt jedoch den ganzen Tag etwas dämmrig. Die Sicht dennoch viel besser, als gestern am Nordkap. Der Bus bringt uns an die russische Grenze, die sowohl die hier lebenden Norweger, als auch die in Grenznähe lebenden Russen mit Dauerpermits überschreiten dürfen. Durch die gegenseitigen Wochenendeinkäufe wird die Wirtschaft angeregt. Vor allem syrische Flüchtlinge nutzen den Grenzübergang. Es ist wohl vorwiegend der Mittelstand Syriens, der sich ein Flugticket nach Amir leisten kann. Ausländern ist es nicht erlaubt, die Grenze zu Fuß zu überqueren, so kaufen sich die Flüchtlinge auf russischer Seite alte klapprige Räder und passieren solide Grenze. Norwegen nimmt derzeit noch alle Asylsuchenden auf. Bislang sind es etwa 4.000, was für die hiesige Infrastruktur ein Kapazitätsproblem darstellt. Kirkenes und der Nachbarort waren während des zweiten Weltkriegs Zentrum der deutschen Armee, die mit 100.000 Soldaten versuchten, den einzigen russischen eisfreien Hafen im Norden des Landes zu besetzen. Infolgedessen wurde Kirkenes und der Nachbarort im zweiten Weltkrieg zum am meisten bombardierten Flecken des Krieges.

Der Reisebegleiter erzählt noch eine nette Anekdote über den russischen Pavillon im Ort. Die Russen wollten ihren norwegischen Nachbarn als Zeichen der Freundschaft etwas schenken. Zu Beginn des kalten Krieges 1956 durften die beiden Länder nicht mehr unbedingt Freunde sein. Beide Länder waren in ihre Bündnisse (NATO und Warschauer Pakt) eingebunden. Die Russen demontierten den voraufgebauten Pavillon. Soldaten der Russen legten die Teile exakt auf die Grenze zu Norwegen, von wo norwegische Soldaten die Teile abholten und im Ort aufgebaut hatten. Mindestens zwei Geheimdienste hatten die Teile genauestens auf Spionagemöglichkeit untersucht.

Abends lassen wir es uns so richtig gut gehen. Zum Borscht und einem himmlischen Rentierbraten mit Rosenkohl und Kartoffel-/ Selleriepüree geniessen wir einen passenden portugiesischen Rotwein. Kaum sind wir mit dem Nachtisch fertig, kommt die Durchsage von der Brücke, dass Polarlichter zu sehen seien. So schnell kann sich das Restaurant nicht einmal im Evakuierungsfall leeren. Wir spritzen zurück in unsere Kabine, werfen uns in warme Klamotten, ich schnappe das Stativ, an dem schon die Kamera mit dem 14mm - 24mm Objektiv montiert ist. Wir rennen auf Deck fünf steuerbords und sehen einen fairen Hauch von Polarlichtern. Nach einiger Zeit verschwinden diese wieder und die Enttäuschung  etwas größer. Jedoch absolut unnötig. Der Himmel klart auf und wir können etwas eine Stunde Backbords wie ganz vorne herrliches Polarlicht beobachten. Das Licht, auf das wir zufahren, wie ein riesiger Vorhang gebaut. Jetzt fangen wir an zu verstehen. Unheimlich beeindruckend. Zum Abschluss dieses Heldentages  noch einen Absacker.

Sonntag 15.11.2015

Wir fahren bei herrlichem Sonnenaufgang - dabei bleibt es auch für die nächsten drei Stunden - Richtung Hammerfeste. Die Sonne schafft es kaum über den Horizont, zaubert jedoch herrliche Lichtspiele auf das Wasser und die schneebedeckten Berge. Wiederum ein beeindruckendes Lichtspiel. Hammerfeste gilt immer noch als die nördlichste Stadt der Welt - mit seinen 10.000 Einwohnern ist sie gerade mal eine Stadt. Wir fahren auf einen 80 Meter hohen Aussichtspunkt über den Ort und dürfen dort mehr Licht bewundern. Die Flüssiggassproduktionsanlage liegt im restlichen Licht, die Stadt und die MS Nordnorge sind bereits im Schatten. Anschließend besuchen wir noch das Denkmal des Meridians und fahren zurück zum Schiff. Sowohl der gestrige, als auch der heutige Führer waren Deutsche. Dem heutigen Christian muss wohl eine große Liebe begegnet sein, dass er für sie aus Berlin hierher in das absolute Outback kommt.

Die Abfahrt aus Hammerfeste ist bis zum Sonnenuntergang um 13:30 von einem kleinen, jedoch sehr farbintensiven Farbspiel gekennzeichnet. Jetzt um 14:00 ist es bereits wieder dämmrig, in Kürze werden wir wieder Nacht haben.

Bis zum Abendessen gammeln wir dann eher vor uns hin. Beim bzw. nach dem hervorragenden Abendessen mit einem ganz zart rosa gebratenen Entrecote und Wirsinggemüse mit Kapern und Silberzwiebeln und einer schönen Flasche Wein wird uns beiden bewußt, dass das Mitternachtskonzert in Tromsö definitiv für uns zu spät kommt, haben dies auch der Reiseleitung mitgeteilt und uns dann bald ins Bett begeben. Gegen 23:30 kam noch eine Durchsage bezüglich Polarlichtern, die Ute schon gar nicht mehr wahrgenommen hatte und ich nicht mehr wahrnehmen wollte. Mitreisende erzählen noch von kurzen aber schönen Lichtern gegen 2:15.


Montag 16.11.2015

Heute ist das Wetter herrlich. Blauer Himmel, die Sonne taucht sogar wegen der südlicheren Lage wieder über den Horizont und wir freuen uns über die herrliche Stimmung und die fantastische Beleuchtung an Bord. Erster Halt für uns in Stokmarknes, wo wir das Hurtigruten Museum besichtigen. Ganz nett, hat uns etwas Beinfreiheit verschafft, jedoch keine tieferen Einblicke.

Die Himmelsstimmung und Landschaft sind immer noch sehr beeindruckend. Verschneite Bergspitzen, sonnenbeleuchtete Bergkämme, tiefblaues schwarzes Meer, die Fahrt ins Dunkle ein Traum. Gegen 17:30  die Durchsage, dass ein leichtes Polarlicht sichtbar ist, für diejenigen, die sich gerade ausruhen, ist keine Eile angesagt, da die Ausprägung sehr schwach sei. Natürlich bewegen wir uns samt Ausrüstung auf Deck fünf nach hinten und werden Zeugen von immer stärker werdendem Polarlicht mit vielen der Ausprägungen, die uns Andreas Walker in seinem Vortrag gezeigt hatte. Da sind Streifen, Vorhänge, Schlieren, Omegaformen und alle in unheimlicher Intensität. Wir spüren die Kälte an Bord gar nicht mehr. Ich löse pausenlos die Kamera aus. Dann fahren wir unter sternenklarem und grün verschleiertem Himmel ein weiteres Mal in den engen Trollfjord ein. Die Sinne spielen verrückt. An den Seiten die engen Steilwände, dass wir uns fragen, wie das Schiff überhaupt in den Fjord gelangen konnte, am Himmel und am freien Horizont Sterne und das Polarlicht. Unglaublich intensiv.

Nach unendlich empfundener und doch viel zu kurzer Zeit dreht der Kapitän am Ende des Fjords auf der Stelle um und führt uns bei immer noch atemberaubendem Polarlicht nach Svolvaer. Wir besuchen dort die Ausstellung Magic Ice mit wunderbaren Eisskulpturen, lernen von den Menschen, dass die Skulpturen von norwegischen Professoren erschaffen wurden und die norwegische Eiskunst weltberühmt wegen ihren filigranen Techniken sei.

Aus dem Museum herausgetreten, entdecken wir über dem Ort wieder beeindruckende Polarlichter. Diesmal kann ich sie vom festen Boden aus fotografieren und kein Schiffswackler stört - ein weiteres imposantes Lichterschauspiel wird uns über dem Ort vorgeführt.

Dienstag 17.11.2015

Der Tag ist schnell vergangen. Nach ausgiebiger Nachtruhe - so wie angekündigt - ein weiteres hervorragendes Fisch-Frühstück und vom Kaffeetisch aus den Meridian, der uns anzeigt, dass wir den Polarkreis wieder gen Süden verlassen. Warm angezogen und nichts wie auf das Außendeck. Die klare Luft ist herrlich, die Landschaft, wenn auch etwas karg, so doch sehr intensiv. Bei der Hinfahrt waren die Berge eher noch bedrohlich dunkel, jetzt strahlen die schneebedeckten Spitzen doch etwas Licht an die Küste und das Wasser. Bis Mittag gammeln wir lesend und dösend auf dem Aussichtsdeck 7 herum. Gegen 13:30 passieren wir die Bergkette der sieben Schwestern, deren Spitzen von 902 - 1.106 Meter hoch direkt aus dem Wasser steigen. Die zwischen den Schwestern liegenden Kare wurden durch Gletscher herausgewaschen. Als bisherigen Höhepunkt des Tages machen wir einen kleinen Landausflug nach Bronnoysund. Der dauert inklusive langer Fotografie nicht mehr als 30 Minuten. Utes Kommentar: Da war ja Mr. Price in Menlyn noch attraktiver, als die hiesige Shopping-Mall. Allerdings haben wir so ein wenig Frischluft außerhalb des Schiffes.

Das obligate Captains Dinner beginnt um 18:00. Wie es bei den Hurtigruten üblich ist, ohne Pomp und Gloria. Die Norweger werden mir immer sympathischer. Sie haben eine "Frontsau", die unglaublich reizende Giske, der Rest der Mann-/ Frauschaft inkl. Kapitän und Brücke macht einen professionellen und sehr sympathischen Job, hat jedoch für öffentliche Auftritte nicht viel übrig. Die "Show" mit Vorstellung der Crew dauert auch nicht lange und wir bekommen wieder ein hervorragendes Menü, diesmal mit einer Entenbrust als Hauptspeise serviert. Da es das Captains Dinner war (gute Begründung), gönnen wir uns nochmals eine schöne Flasche Rotwein - diesmal einen Barbera. Nach dem Abendessen haben wir noch Lust auf einen Absacker, so begeben wir uns zur Bar und bestellen einen G&T und einen Mexican Coffee. Irgendwie quatsche ich den Barmann auf spanisch an er antwortete mit einem noch viel schlechterem, als meinem - ja, das geht noch. Im Gespräch stellt sich jedoch heraus, dass er in Spanien, in Alicante lebt. Er hat eine 22 Tage Schicht und fliegt dann immer wieder für drei Wochen nach Hause, obwohl er Norweger ist.

Mittlerweile gesellen sich noch die Hessen zu uns, so haben wir noch eine lustige, wenn auch feuchte Stunde. Trotzdem liegen wir um 21:30 im Bett und schlafen bis 6:00, als der Wecker uns weckt.

Mittwoch 18.11.2015

Die Weckzeit war unsere Geschäftsweckzeit, so fühlt es sich auch an. Trotzdem anziehen, schönes großes Frühstück und dann rein in die Long Johns und Skiunterwäsche. Um 7:30 begeben wir uns in Trondheim auf eine geführte Wanderung. Wir sind nur zu viert und haben eine reizende Tourleiterin, die aus Braunschweig stammt, mittlerweile seit 52 Jahren in Norwegen lebt und uns nett über die Stadt, den Nidaros Dom, die Wohnungen, die seit 1997 eingeführte und boomende Pilgerveranstaltung von Oslo auf alten Wegen nach Trondheim führt, erzählt und alles zeigt. Auch den derzeit noch weltweit einzigartigen Fahrradlift. Trondheim hat wohl eine gute Technische Universität, die in der Automatisierungstechnik bekannt sei - nur ich kenne sie noch nicht. Die Wohnungen am Fluss / Sund liegen spektakulär, kurzum, Trondheim war / ist einen Ausflug wert.

Jetzt sitzen wir wieder auf Deck sieben und schauen auf den 126 Kilometer langen Fjord, der zeitweise mit den Örtchen am Ufer und den schneebedeckten Hügeln wie ein Binnensee in den Alpen wirkt.

Später wird dann auch gepackt werden müssen. Wir versuchen, den heutigen Tag noch in Urlaubslaune zu genießen und jeden Gedanken an nächste Woche zu verdrängen. Zunächst fahren wir einem wunderbaren goldenen Sonnenuntergang auf ganz ruhiger See entgegen und genießen die bergige Landschaft der Fjorde, die Lichtstimmungen, die vergleichsweise Ruhe auf Deck 7- das Schiff ist mit Sicherheit mit nicht mehr als 150 von 570 möglichen Passagieren besetzt.

Donnerstag 19.11.2015

Wir sitzen bei herrlich sonnigem Wetter auf dem Aussichtsdeck, umgeben von unserem Handgepäck. Koffer gepackt, Zimmer geräumt, die letzten vier Stunden hier an Bord sind angebrochen. Norwegen meint es gut mit seinem Abschied. Heute Nacht wäre noch einmal Polarlicht zu sehen gewesen. Wir waren zu müde, außerdem haben wir die Durchsage des Kapitäns nicht mehr gehört. Wir haben mit den beiden Abenden / Nächten schon großes Glück gehabt, so dass wir dieses letzte Feuerwerk wohl auch verkraften werden. Jetzt sollte nur Ute noch die Chance haben, sich zu erholen, die Heimreise stressfrei sein und das eine oder andere Bild gelungen, dann ist das ein großartiger Urlaub gewesen.

Freitag 20.11.2015 / Rückblick am Sonntag 29.11.2015

Die Anfahrt mit dem Schiff auf Bergen wunderschön - schon wieder kein Regen. Bergen bei Trockenheit ist ein wunderbarer Ort. Auschecken, Bustransfer zum Flughafen verläuft problemlos. Am Flughafen Bergen wird umgebaut, entsprechend chaotisch sind Struktur und Ablauf. Der Anflug nach Amsterdam problemlos, Umsteigen ebenso. Die Warterei am Gate nach MUC wirft uns etwas in die Welt der Professionals zurück. Eigentlich wollen wir das beide nicht mehr.

Auch der Anflug nach München ganz ok, gegen 22:15 stehen wir am Gepäckband und .... warten. Dann kommt der erste Koffer, ein komisches Gefühl erreicht mich. Die Menschen um uns rum wurden weniger, das Band stoppt - aha. Direkt neben der Gepäckausgabe  ein Schalter von "Lost and Found", eine Reisende aus USA und eine mit uns gereiste Norwegerin geben gerade ihre Daten auf. Die US-Reisende sehr relaxed, das passiert ihr mit Air France regelmäßig, sie wurde von Paris über Amsterdam nach München umgebucht, hatte demnach nichts anderes erwartet. Die Norwegerin ziemlich hektisch und aggressiv, wir  beide sehr ruhig, sind zuhause und keine nennenswert essentiellen Dinge im Koffer. Die Datenbank zeigt auch an, dass der Koffer in Amsterdam hängen geblieben ist, also alles gut. Es ist dennoch spät, wir haben noch einen kleinen Hunger, so treibt es uns seit ewigen Zeiten wieder zum Mc Donalds. Es ist weniger das Essen, daran wird sich nichts ändern, es sind die Menschen, die dort essen,  die unser Interesse anregen. Gegen Mitternacht am Flughafen bewegt sich eine uns im Alltag nicht gewärtige Neben- oder Schattengesellschaft. Die Menschen machen Pause oder beenden gerade ihre Schicht. Das Mädel an der Essensausgabe  nett und  pfiffig, ihr Deutsch nicht das Schlechteste, ganz im Gegenteil. Dennoch wirkt sie bedrückt und fast geduckt, weil sie in dem Laden "am Ende der Nahrungskette" steht. Ein Polizist zieht sich noch schnell zum Arbeitsende einen Burger rein, sichtlich müde von der Arbeit, ein paar Logistiker hängen herum. Die Szene beschäftigt uns und wir sind uns einig, dass es sich "lohnt", wenn endlich mal mehr Zeit ist, sich mit der gesamten Gesellschaft und ihren Veränderungen zu beschäftigen.

Gegen 1:00 sind wir zuhause, auch ein schönes Gefühl. Am Freitag - oder Samstag gegen 19:00 kommt auch der Koffer an. Ein weiterer Mitarbeiter dieser so wertvollen Parallelgesellschaft bringt den Koffer.