22.4.2026, 10:40 München im Zug ECE 194 und später auf der Fahrt und in Luzern
Schon mal ein guter Anfang. Wir werden in Zürich nur 7 Minuten Aufenthalt haben, um den Zug nach Luzern zu erwischen. Knapp, wir sitzen in einem Schweizer Zug. Das wird schon. 10:48, wir fahren pünktlich los.
Hinter uns eine Horde Jungs auf Klassenfahrt. Geht einigermaßen, da sie auf ihren Handys rumdaddeln. Das Wetter läßt sich sehr gut an. Bis gestern trotz Sonnenschein ziemlich kühl, heute mit Sonnenschein wird es deutlich wärmer.
Die letzten Tage wieder schwer für uns. Die Politik killt uns noch. Dann noch das Gespräch mit Walle. Eine saftige Mieterhöhung. Statt der ursprünglichen 15.000€ pro Jahr, wir hatten uns wegen gestiegener Nebenkosten auf 16.500€ geeinigt. Jetzt zahlen wir 18.000€. Dann wird die Dauermiete doch nichts für uns. Nach ein paar unruhigen Tagen, die zwischen sofort runterfliegen, um eine Wohnung anzuschauen und dem Rechnen, wie es weitergehen kann, haben wir uns wieder gefangen. Nichts übereilen, es geht jeden Tag eine Tür auf.
Neben uns sitzt eine chinesische Familie mit sieben Personen. Das Kind / Enkel lärmt. Kann im Flugzeug auch passieren. Die Plätze neben uns sind noch frei. Tut auch gut.
Wir haben darüber gesprochen, wie wir die Schweiz kennen. Eigentlich gar nicht. Als Kind war ich mit den Eltern ab und zu bei Mutters Schwester in Zofingen. Ute ein, zweimal geschäftlich in Winterthur, ich auch zweimal. Und in den 80er Jahren einmal in einer herrlichen Monet Ausstellung in Basel und einmal eine Woche in Grindelwald. Also gar nicht.
Interessante und schöne Fahrt. Schön, weil wir durch herrliche frühlingshafte Landschaft fahren. Erst Allgäu, dann Österreich, am Bodensee entlang, dann rein in die Schweiz. Keine Kontrollen, etwas Verzögerung, die Zugbindung aufgehoben. Nur wenige Mitreisende nehmen die Schönheit draußen wahr. Die blühenden Apfelbäume, überall Spalierobst, der herrliche See und die bereits hier imposanten Alpen.
Jetzt nach drei Stunden reicht es der Klasse hinter uns. Es wird etwas lauter. Erst jetzt stellen wir fest, dass auch Mädels an Bord sind. Die haben wir bislang noch gar nicht wahrgenommen, weil so leise.
Mit 11 Minuten Verspätung in Zürich angekommen. Es ist die Schweiz. Sehr sauber, die Toilette CHF 1,50. Rauf zum Gleis 6, da steht ein Zug, der nach Luzern geht. Andere Zugnummer. Kommt ein Mitarbeiter der SBB, ich frag ihn, ob das der Zug ist. Er: Wo kommt Ihr her? Ich: Aus München. Er: Das ist ganz normal. Ja, den Zug könnt Ihr nehmen. Hat heute ne andere Nummer. Egal. Sehr entspannt, ohne Stress, freundlich. Wir fahren aus Zürich raus, entlang des Zürichsees. Bei dem herrlichen Wetter ein sehr schöner Anblick. Ein paar Segelboote cruisen auf dem See. Das Ufer dicht bebaut. Tunnel, durch die wir mit der Bahn ruhig gleiten. Ohne unsere lauten Chinesen eine entspannte Fahrt. Zwei Reihen hinter uns eine dauertelefonierende Niederländerin. Klingt fast wie Schwitzerdütsch.
Ankunft 15:50, der neue Bahnhof beeindruckend groß für eine Stadt mit etwa 90.000 Einwohnern. Er ist sehr gut frequentiert, wir lernen von Manuela, dass die Schweizer ein Land der Bahnfahrer sei. Manuela wartet schon auf uns. Eine herzliche Umarmung und Begrüßung. Es ist schön, hier zu sein. Auch hier im Zentrum der angeblich schönsten Stadt der Schweiz zu sein. Sie liegt malerisch am Vierwaldstättersee, herrliche Architektur direkt am See. Das Luzerner Kulturzentrum hat eine äußerst gewagte Dachkonstruktion ohne Stützpfeiler, passt gut in die Atmosphäre. Wir gehen ein paar Schritte an der Promenade. Wunderschön hier, Touristen, Einheimische, es wird Pétanque gespielt. Im Hintergrund die Berge. Der erste Eindruck hat schon was. Wir setzen uns in den Garten des Grandhotels Luzerns und gönnen uns einen Aperol Spritz zur Begrüßung. Es wird gleich wieder gequatscht, die letzten Neuigkeiten ausgetauscht, es macht mit Manuela den gleichen Spaß wie in Botswana. Der Ort hier ist seltsam. Lebendig und doch irgendwie entrückt. Wir gönnen uns die Zeit zum Staunen. Später fährt uns Manuela ins Hotel Lux in Emmen, wo sie auch wohnt. Ah, ein Volk der Bahnfahrer? Ein Stau wie in München, Feierabendverkehr.
Das *** Hotel macht einen ordentlichen Eindruck, ein typisches Business Hotel. Sehr freundlicher Empfang von einer jungen Frau. Ute bezahlt gleich. Wir sind in der Schweiz. CHF 645 für vier Nächte. Das Zimmer ordentlich, mehr Platz als in Italien, Frankreich, England. Wir treffen uns um 19:30 im Restaurant, das am Hotel angeschlossen ist. Wir sind in der Schweiz. Vorspeise, Hauptspeise, zwei Flaschen Wein, vier Mal Wasser, knapp CHF 300. Das Essen war recht gut. Die beiden Damen nehmen als Vorspeise einen grünen Salat, gefolgt von Felchen mit Risotto. Ich bekomme Caprese, mit Salat mal etwas anders und eine Pizza. Ok, die zweite Flasche Wein … mir hat das Schweizer Cuvée geschmeckt.
Donnerstag, 23.4.2026
Was für ein herrlicher Tag. Los geht’s nach ordentlichem Frühstück, Manuela holt uns ab, wir fahren runter zum See. Sie ersteht für uns ein Rundkursticket zur Rigi für CHF 110 pro Person bei 20% Rabatt mit Gästekarte. Mit Uri, dem ältesten Salondampfer auf dem Vierwaldstättersee über den See bei atemberaubender Szenerie. Der Pilatus, Hausberg Luzerns, der Rigi, auf die wir heute hinauffahren, viele 2.500en Gipfel, alle noch verschneit. Die Häuser meist mehr als komfortabel, schon eher wohlhabend bis luxuriös. Wir schippern eine gute Stunde bei herrlicherem Sonnenschein, die Jacke mehr als angemessen, über den See, passieren das Parkhotel Vitznau mit Spitzenpreisen von CHF 2.100 pro Nacht und landen in Vitznau. Dort steigen wir in die Rigi Bahn, der ältesten Zahnradbahn der Welt und fahren komfortabel die 1.200 Höhenmeter hinauf bis zur vorletzten Station. Die letzten 120 Höhenmeter gehen wir zu Fuß. Ich muss zugeben, wir haben ganz schön geschnauft. Was für eine gewaltige Aussicht. Auf der einen Seite nach Norden runter ins Voralpenland bis hin zum Feldberg, auf der Südseite ragen schon die Spitzen der 3.500m bis 4.000m hohen schneebedeckten Gipfel hervor. Atemberaubend, wir sind ganz besoffen. Eine ganze Stunde verweilen wir hier, dann geht’s wieder hinab zur Station und wir fahren hinunter nach Goldau, einer kleinen Stadt in Nördlinger Größe mit einem großen Bahnhof. Dann zurück nach Luzern und etwas Pause im Hotel. Wir sind teilweise schon geschockt und realisieren, wie weit unser eigenes Land nach unten gerutscht ist. So alles falsch haben die Schweizer nicht gemacht. Es ist langweilig nach Gründen zu suchen. Bei uns läuft es nicht mehr und hier läuft es. Wir zwei sind uns einig, dass wir uns erstmalig vorstellen können, die Wohnung in München zu verkaufen und ganz nach Somerset West zu gehen. Ist schon eine traurige Erkenntnis. Bis es so weit ist, genießen wir erst einmal Luzern. Was für eine gute Idee, Manuela hier zu besuchen.
Am Abend wieder ins gleiche Restaurant. Hat uns gut geschmeckt. Ute hat auch eine Pizza gegessen, so wie ich auch. Mit einem Salat vorneweg. Das will schon etwas heißen, wenn es an zwei Abenden Pizza zu essen gibt.
Freitag, 24.4.2026
Zuerst fährt uns Manuela in ihrem 13 Jahre alten, top gepflegten 116i über Land in die Gemeinde, in der sie zum einen ihre Praxis hat und zum anderen im August in ihre neue Wohnung einziehen wird. Im Keller staunen wir. Der Eingang zum Nutzkeller mit einer schweren Betontür gesichert. Die Schweiz schreibt immer noch Bunker vor, wenn neu gebaut wird. Und hier ist ein belüftetes Exemplar. Die Baustelle weit gediehen, wir fahren in den zweiten Stock und besichtigen den Rohbau. Schicke Wohnung, vier Zimmer gut geschnitten, sehr hohe Bauqualität und -substanz. Traumhafter Ausblick auf die Berge. Das wird was. Sie hat schon die komplette Einrichtung geplant und die Möbel bestellt. Das wird was. Die 120 qm Kosten knapp 1.2 Millionen Franken. Respekt.
Dann fahren wir in die Stadt zurück. Heute ist die Altstadt von Luzern dran. Start bei herrlichstem Wetter im Parkhaus Altstadt. Wir laufen zur Stadtmauer, steigen wieder mal etliche Treppen und den Stadtwall hinauf - Nein, Obelix, Du hast nicht Recht; die Schweiz ist nicht flach - sofort ist der Verkehrslärm komplett weg. Einige Turmdohlen fliegen umher, sind auch seltene Tiere geworden. Auf die Türme steigen wir nicht hoch, die engen Wendeltreppen imponieren uns zu sehr. Weiter geht der Weg in die wunderschöne Altstadt. Luzern gilt als die schönste Stadt der Schweiz. Alte Häuserzeilen von 153x, liebevoll restauriert und konserviert, dazwischen immer wieder den Blick auf die Rigi, ca. 1800 Meter hoch, auf der wir gestern waren. Auch Blicke auf die imposanten schneebedeckten hohen Gipfel. Lassen uns treiben, sehen uns den Löwen an, der eines der Wahrzeichen Luzerns ist. Eine sehr große Löwenskulptur, die in den Felsen getrieben wurde. Anlass ist der Tod Hunderter Schweizer Söldner 1792 in Paris in der Zeit nach der französischen Revolution. Einen Kaffee im Straßenkaffee, alles sitzt heute bei 20 Grad draußen. Noch halten sich die Touristenströme in Grenzen. Wir wollen nicht wissen, was hier in der Hauptsaison abgeht. Manuela zeigt uns etliche zauberhafte Ecken in der Stadt. Die älteste Apotheke, in der die Apothekerin mit ihrem Kollegen geduldig und kompetent ihren Kunden hilft, die Kapellbrücke, die vor ein paar Jahren nahezu komplett abgebrannt war. Als Ursache werden nicht entfernte Spinnennetze angegeben, die das Feuer wie Zunder weiterverbreitet haben sollen. Natürlich den Wasserturm, der als das meistfotografierte Motiv der Schweiz gilt. Immer wieder bemalte alte Häuserfronten. Straßenrestaurants, die um die Mittagszeit gut angenommen werden. Der Wein fließt auch schon reichlich. Kurz, eine lebenswerte Stadt.
Jetzt eine kurze Siesta und dann treffen wir uns wieder im Restaurant zum Essen. Wir bleiben dem Restaurant Lux treu.
Samstag, 25.4.2026
Wieder ein himmlischer Tag. Manuela fährt uns heute auf einer feinen Passstraße zum Bürgenstock hoch. Mit Schiff und Bahn hätte es zu lange gedauert. Oben neben ein paar schönen Bauernhöfen ein gewaltiges Ressort. Architektonisch durchaus in die Landschaft passend mit Hotels, Wohnungen, Golfplatz, Restaurants etc.. Zitat Manuela: Alles mindestens 6-sternig. Sie hatte früher als Assistenz für den Generalunternehmer gearbeitet, der die Anlagen bzw. Häuser gebaut hatte. Hier bist Du noch entrückter von der Welt. Ein paar Meter weiter eine Aussichtsterrasse. Der Blick auf den Vierwaldstättersee und die Orte am See und die Landschaften schlichtweg atemberaubend. Wir wandern den Felsenweg hoch zum Hammetschwandlift. Ute hält sich hervorragend, es geht teils senkrecht nach unten. Der Lift selber wird für sie dann doch eine große Herausforderung. Ein Glaslift mit absurd schöner Sicht, aber eben an der Außenwand. Aber sie schafft es hervorragend ohne in Panik zu fallen. Oben eine Alm, wieder der irre Ausblick. Wir nehmen einen Wanderweg nach unten und stellen fest, dass wir doch wieder mal Lust hätten, in die Berge zu gehen. Vielleicht ist dies der richtige Anstoß. Den ganzen Weg über wird mit Manuela gequatscht. Ein schöner Ausflug. Im Hotel wird der Besuch hier schon ein wenig reflektiert. Die Schweiz hat sich beachtenswert entwickelt. Früher, so in den 60er, 70ern sind wir zur Verwandtschaft nach Zofingen gefahren und kamen aus einem Land mit deutlich besserer Struktur. Heute? Zwei Welten. Die Schweiz liegt auf einem deutlich höheren Niveau und wir sind abgerutscht und rutschen immer weiter ab. Die Ortschaften hier sind nicht zersiedelt und mit Gewerbeparks verschandelt. Obwohl hier viele Wohnungen gebaut werden, wirken die Gemeinden noch homogener. Die Straßen, die Wege, einfach an jeder Ecke ist ein großer Unterschied festzustellen. Und der spricht nicht einmal für unser Land. Auch die Menschen freundlicher, und überhaupt überall benutzbare und sauberer öffentliche Toiletten. Armes Deutschland.
Samstag, 26.4.2026
Ist schon lustig; der Zug von Luzern nach Zürich pünktlich auf die Sekunde, den Zug nach München in den geplanten sieben Minuten locker erreicht … na klar, wir fahren später ab. Sind nur drei Minuten, was in diesem perfektionierten Zugsystem der Schweiz eine ganze Menge ist.
Zurück zu gestern Abend. Wir zwei waren etwas verunsichert, wie wir mit den kräftigen Preisen hier umgehen sollten. Darüber hinaus gehen wir heute nach Zug zum Essen. Laut Manuela Leben in Zug aus Schweizer Sicht die Reichen. Ein Blick in die Kaufkraft erklärt unserer schräges Bauchgefühl. Deshalb ein wenig Zahlenspielerei. München liegt in Deutschland durch die hohen Preise auf Platz 33. Wir haben eine Kaufkraft von 28.000 € pro Person. Übrigens wird der Landkreis Donau-Ries als Geheimtipp angegeben. Die Lebenshaltungskosten sind so niedrig. Ach ne, hätten wir nicht gedacht ;)
Luzern hat eine Kaufkraft von fast 45.000 CHF, fast 49.000 € und Zug liegt mit 84.000 CHF, über 91.000 € deutlich darüber. Ok, dann muss ein Hauptgericht für 62 CHF nicht wundern. Wir liegen ganz schön abgeschlagen weit hinten. Ein Blick auf Südafrika zeigt uns auch, weshalb wir uns dort finanziell so wohl fühlen. Unsere zweite Heimat liegt deutlich hinter uns.
Manuela holt uns gegen 17:30, wir fahren nach Zug. Ist bei Weitem nicht so schön wie Luzern, die Wohnanlagen eher etwas abgewrackt. Sicher gibt’s Luxusecken, am Zuger See sind sie direkt nicht zu finden. Wir können gar nicht recht an der Uferpromenade entlang gehen, in Zug wir ein Streetfoodfestival gefeiert. Dann eben etwas zeitiger ins Restaurant am Segelhafen und noch ein Aperitif genommen. Manuelas Kinder Julia und Simon sind zeitig da. Zwei nette, selbstbewusste junge Menschen, beide in der Juristerei beschäftigt. Simon ist schon fertig, hat letztes Jahr das Examen bestanden. Bei einer Durchfallquote von über 70% eine reife Leistung. Sie sehen im Gegensatz zu Manuela die Schweiz nicht ganz so unkritisch, die Kleinteiligkeit der 27 Kantone von der Größe etwa deutscher Landkreise mit eigenständigen Steuerhebesätzen sind nicht einfach zu managen. Wir lernen, Zug mit etwa 12% Einkommensteuer liegt am niedrigen Ende, Bern mit etwa 30% eher in unserer Größenordnung. Auch irre für uns zu hören, dass manche Kantone nicht wissen, wohin mit dem Geld. Auch die Rechtsprechung unterscheidet sich von Kanton zu Kanton. Ein interessanter und lehrreicher Abend direkt am See mit traumhaftem Sonnenuntergang.
Im Hotel noch ein Glas Wein und ab in die Falle.
Und jetzt sind wir schon fast wieder aus der Schweiz draußen und bewegen uns Richtung München.
Viel gesehen, viel erfahren, viel gelernt. Ein wunderschöner Trip in die Schweiz geht zu Ende.